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Tod in Venedig

Venedig

Death in Venice ist Benjamin Brittens letzte Oper. Sie kam 1973 beim Aldeburgh Festival zur Uraufführung. Das Libretto hat Myfanwy Piper nach Thomas Manns Novelle Tod in Venedig geschrieben. Britten hat die Hauptrolle – wie oft – für seinen langjährigen Lebensgefährten, den britischen Tenor Peter Pears geschrieben. Die beiden lebten bis zu Brittens Tod 1976, über 37 Jahre in einer Partnerschaft, wobei Britten wohl die Beziehung ernster nahm als Pears. England tolerierte trotz viktorianischem Verbot der Homosexualität, das erst 1967 abgeschafft wurde, die Beziehung der Beiden. Wenn man sie auf einem Foto sieht, sehen sie fast aus wie zwei Brüder der britischen upper class.

Britten hat die Oper für kleines Orchester in 17 Szenen geschrieben: für zwei Hauptrollen (Tenor und Bariton). Unterschiedliche, dissonantes Fieber hervorrufende, archaische Perkussionsinstrumente (die an Curlew River erinnern) begleiten u.a. Tadzio, der nur eine stumme Tänzerrolle hat. Im Kontrast dazu minimale und reflektierende rezitativi des Hauptprotagonisten auf dem Klavier (das bei dieser Inszenierung auf der Bühne steht).

Die Begegnung mit einem südländisch aussehenden und geheimnisvollen Fremden auf dem Münchner Friedhof lässt den bekannten Dichter Gustav von Aschenbach (Paul Nilon) nicht in die übliche Sommerfrische in die Berge aufbrechen sondern lockt ihn nach Venedig und an den Styx-Kanal. Allein der Name Aschenbach weist schon auf Tod und Asche hin! Paul Nilon steht praktisch immer im Mittelpunkt der Handlung und ist ständig gefragt, er verwandelt sich im Verlauf dieser Reise von einem unscheinbaren, pflichtbewussten Mann mittleren Alters in einen unvernünftigen, vergnügungssüchtigen und hormongesteuerten Gecken, lässt sich die Haare färben, verachtet sich selbst ob seiner Schwäche und verfällt regelrecht dem Jungen Tadzio. Dabei macht er eigentlich nichts freiwillig. Er will weder mit dieser Gondel übergesetzt werden, noch will er sich die Haare färben lassen. Er wird genötigt oder überredet, angelogen und beschwichtigt und lässt das alles wissend zu. Er will abreisen, aber sein Gepäck geht verloren und er wird wieder aufgehalten. Ein unglücklicher Zufall mündet in den nächsten und er sieht nur – neben sich stehend – zu, bis er nicht mehr zurück kann. Aschenbach gleitet langsam vom rational-intellektuellem ab in die Tiefen der rauschenden dionysischen Begierde und in den Wunsch zu Sterben. So gesehen ist es ein griechisches Drama.

Der lyrische Tenor Paul Nilon hat anfangs ein wenig geschwächelt, ist aber im  zweiten Akt sehr gut geworden. Der übergroße Trauer-Bilderrahmen sowie der Totenkranz stehen immer auf der Bühne – als Mahnung „Mensch Du musst sterben“ und ab Beginn des zweiten Aktes zieht der faule Choleragestank und die sich ankündigende Tragödie über schwarz-lila Tulpen- oder Artischocken-Felsen, auf denen die Pasolini-Straßenkinder dem gerade angekommenen Aschenbach an seinem Hotelfenster – mit dem besten Blick auf den Kanal – wie ihm der schleimige Hotelmanager versichert, zuwinken. Den Schimmel auf den verfaulten, verhängnisvollen Erdbeeren können wir uns vorstellen. Ein Theaterscheinwerfer beleuchtet das Geschehen und signalisiert sengende Hitze im morosen Venedig, wo sich die Seuche langsam einschleicht und das die Touristen verlassen, wie Ratten das sinkende Schiff. Selbst die permanent links und rechts sich öffnenden Türen können keinen frischen Wind in das untergehende Venedig bringen.

Ansonsten besteht das Bühnenbild eigentlich nur aus Stühlen wie bei einer Wei-Wei-Installation. Diese werden unterschiedlich eingesetzt: Sie sind natürlich Stühle, sie sind Zug, sie sind Gondel, sie sind Versteck oder Hotelausstattung.

Der eigentliche Star des Abends aber ist  der amerikanische Bariton Seth Carico. Flott, unverschämt, einschmeichlerisch, überzeugend und sexy besticht er nicht nur stimmlich sondern auch schauspielerisch in sieben Rollen, die allesamt allegorische Vorboten des Todes sind und den fallenden Dichter umwerben: Der Reisende; der ältliche Geck, der Gondoliere; der Hotelmanager; der Hotel-Friseur; der Führer der Straßensänger.
Tadzio fehlt leider das feingeistig-schöne, das sanft-verführerische. Er wirkt eher wie ein sizilianischer Straßenjunge wie ihn Pasolini hätte erfinden können. Auch wieder mit einem Stuhl kommt Tadzio zu Tode, und die anderen Raudis begraben ihn darunter Aschenbach geht ziemlich teilnahmslos von der Bühne. Man hat es nicht mehr in der Hand!

Die musikalische Leitung von Donald Runnicles war einwandfrei, die Regie von Graham Vick war nicht immer nachzuvollziehen aber originell. Die Choreografie von Ron Howell hat uns nicht angesprochen. Zu abgehackt, zu un-südlich und hat weder den Jüngling noch die Person Aschenbach verstanden.

Premiere an der Deutschen Oper Berlin war am 19. März 2017.

Christa Blenk

 

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Der nasse Fisch – Kommissar Gereon Raths erster Fall

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Der nasse Fisch – Kommissar Gereon Raths erster Fall

Berlin 1929: Zwischen Straßenschlachten von Kommunisten und Schupos, SA,  Rotfront, Maffia, korrupten Polizisten und illegalem Waffenschmuggel, Kokain, Nachtclubs und Intrigen im vergnügungssüchtigen Berlin der roaring twenties gerät der ehemalige Mordermittler Gereon Rath durch Zufall in einen Sog von Ereignissen, die ihn selber an den Rand der Legalität bringen und die Polizei in ein zweifelhaftes Licht setzen.  

Volker Kutscher beschreibt in seinem ersten Fall das Ankommen des jungen Kommissars aus der Provinz in die brodelnde Hauptstadt Berlin, wohin er strafversetzt wird und das auch noch zum Sittendezernat. Gereon Rath ist eigentlich Mordermittler und fühlt sich bei der Sitte unterfordert. Ein geschickt inszenierter Zufall des Verfassers, bei dem sein Zimmervorgänger bei der Witwe Behnke eine Rolle spielt, bringt ihn auf die Spur eines Toten, der im Landwehrkanal gefunden wird und in Verbindung und die die Fänge unterschiedlicher Gesellschaftsschichten. Rath will sich profilieren und ermittelt im Alleingang, begeht selber eine Straftat, die er vertuscht, aber nach vielen Irrungen und Verwirrungen letztendlich doch eingesteht und das Gute siegen lässt.

Ein schillerndes, fortschrittliches Berlin in der Weimarer Republik ist die Kulisse dieses Romans, die die Gegensätze zwischen Wedding, Neukölln und Charlottenburg aufgreift und den wilden Osten beschreibt. Den Berliner Dialekt setzt Kutscher geziehlt und geschickt ein. Der aufkommende Nationalsozialismus der Völkischen steht ante portas.

Die Protagonisten sind erfrischend realistisch, essen Kuchen, sind sehr klug aber bestechlich und die Grenze zwischen good cop und bad cop verwischt sich recht oft. Gereon Rath ist aber trotzdem schwer einzuordnen, ist er zynisch und kalt oder nur sehr ehrgeizig, weil er sich von seinem prominenten Vater lösen will? Auf jeden Fall ist er mutig und hat kein Problem, sich allein gegen die Welt zu stellen. Er ist nicht wirklich sympathisch, aber auch kein Ekel. Kutscher schreibt pragmatisch und sachlich und manchmal ziemlich grausam und sadistisch. Die Maiunruhen, die der Kommissar in seinen ersten Tagen in Berlin miterlebt, sollen später als Blutmai in die Geschichte eingehen.

Gut recherchiert und spannend beschreibt der Autor auf schnelle Art die Geschehnisse vor dem Hintergrund politischer Ereignisse in den 1920er Jahren.

Volker Kutscher (1962) lebt in Köln und hat mittlerweile Gereon Rath sechsmal ermitteln lassen. Tom Tykwer arbeitet übrigens zurzeit an der Serie Babylon Berlin, die auf einer Romanreihe von ihm basiert.

Christa Blenk

 

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