Archives pour la catégorie Musique

Liebe Leserinnen und Leser – Leider steht der blog zur Zeit nicht zur Verfügung – ich hoffe, unblog arbeitet daran

Tod in Venedig

Venedig

Death in Venice ist Benjamin Brittens letzte Oper. Sie kam 1973 beim Aldeburgh Festival zur Uraufführung. Das Libretto hat Myfanwy Piper nach Thomas Manns Novelle Tod in Venedig geschrieben. Britten hat die Hauptrolle – wie oft – für seinen langjährigen Lebensgefährten, den britischen Tenor Peter Pears geschrieben. Die beiden lebten bis zu Brittens Tod 1976, über 37 Jahre in einer Partnerschaft, wobei Britten wohl die Beziehung ernster nahm als Pears. England tolerierte trotz viktorianischem Verbot der Homosexualität, das erst 1967 abgeschafft wurde, die Beziehung der Beiden. Wenn man sie auf einem Foto sieht, sehen sie fast aus wie zwei Brüder der britischen upper class.

Britten hat die Oper für kleines Orchester in 17 Szenen geschrieben: für zwei Hauptrollen (Tenor und Bariton). Unterschiedliche, dissonantes Fieber hervorrufende, archaische Perkussionsinstrumente (die an Curlew River erinnern) begleiten u.a. Tadzio, der nur eine stumme Tänzerrolle hat. Im Kontrast dazu minimale und reflektierende rezitativi des Hauptprotagonisten auf dem Klavier (das bei dieser Inszenierung auf der Bühne steht).

Die Begegnung mit einem südländisch aussehenden und geheimnisvollen Fremden auf dem Münchner Friedhof lässt den bekannten Dichter Gustav von Aschenbach (Paul Nilon) nicht in die übliche Sommerfrische in die Berge aufbrechen sondern lockt ihn nach Venedig und an den Styx-Kanal. Allein der Name Aschenbach weist schon auf Tod und Asche hin! Paul Nilon steht praktisch immer im Mittelpunkt der Handlung und ist ständig gefragt, er verwandelt sich im Verlauf dieser Reise von einem unscheinbaren, pflichtbewussten Mann mittleren Alters in einen unvernünftigen, vergnügungssüchtigen und hormongesteuerten Gecken, lässt sich die Haare färben, verachtet sich selbst ob seiner Schwäche und verfällt regelrecht dem Jungen Tadzio. Dabei macht er eigentlich nichts freiwillig. Er will weder mit dieser Gondel übergesetzt werden, noch will er sich die Haare färben lassen. Er wird genötigt oder überredet, angelogen und beschwichtigt und lässt das alles wissend zu. Er will abreisen, aber sein Gepäck geht verloren und er wird wieder aufgehalten. Ein unglücklicher Zufall mündet in den nächsten und er sieht nur – neben sich stehend – zu, bis er nicht mehr zurück kann. Aschenbach gleitet langsam vom rational-intellektuellem ab in die Tiefen der rauschenden dionysischen Begierde und in den Wunsch zu Sterben. So gesehen ist es ein griechisches Drama.

Der lyrische Tenor Paul Nilon hat anfangs ein wenig geschwächelt, ist aber im  zweiten Akt sehr gut geworden. Der übergroße Trauer-Bilderrahmen sowie der Totenkranz stehen immer auf der Bühne – als Mahnung „Mensch Du musst sterben“ und ab Beginn des zweiten Aktes zieht der faule Choleragestank und die sich ankündigende Tragödie über schwarz-lila Tulpen- oder Artischocken-Felsen, auf denen die Pasolini-Straßenkinder dem gerade angekommenen Aschenbach an seinem Hotelfenster – mit dem besten Blick auf den Kanal – wie ihm der schleimige Hotelmanager versichert, zuwinken. Den Schimmel auf den verfaulten, verhängnisvollen Erdbeeren können wir uns vorstellen. Ein Theaterscheinwerfer beleuchtet das Geschehen und signalisiert sengende Hitze im morosen Venedig, wo sich die Seuche langsam einschleicht und das die Touristen verlassen, wie Ratten das sinkende Schiff. Selbst die permanent links und rechts sich öffnenden Türen können keinen frischen Wind in das untergehende Venedig bringen.

Ansonsten besteht das Bühnenbild eigentlich nur aus Stühlen wie bei einer Wei-Wei-Installation. Diese werden unterschiedlich eingesetzt: Sie sind natürlich Stühle, sie sind Zug, sie sind Gondel, sie sind Versteck oder Hotelausstattung.

Der eigentliche Star des Abends aber ist  der amerikanische Bariton Seth Carico. Flott, unverschämt, einschmeichlerisch, überzeugend und sexy besticht er nicht nur stimmlich sondern auch schauspielerisch in sieben Rollen, die allesamt allegorische Vorboten des Todes sind und den fallenden Dichter umwerben: Der Reisende; der ältliche Geck, der Gondoliere; der Hotelmanager; der Hotel-Friseur; der Führer der Straßensänger.
Tadzio fehlt leider das feingeistig-schöne, das sanft-verführerische. Er wirkt eher wie ein sizilianischer Straßenjunge wie ihn Pasolini hätte erfinden können. Auch wieder mit einem Stuhl kommt Tadzio zu Tode, und die anderen Raudis begraben ihn darunter Aschenbach geht ziemlich teilnahmslos von der Bühne. Man hat es nicht mehr in der Hand!

Die musikalische Leitung von Donald Runnicles war einwandfrei, die Regie von Graham Vick war nicht immer nachzuvollziehen aber originell. Die Choreografie von Ron Howell hat uns nicht angesprochen. Zu abgehackt, zu un-südlich und hat weder den Jüngling noch die Person Aschenbach verstanden.

Premiere an der Deutschen Oper Berlin war am 19. März 2017.

Christa Blenk

 

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Kreolischer Konzertabend

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Schwarz-Rot sind die Tango-Farben und so ist auch die kleine Bühne an diesem Tango-Abend.

Unter dem neuen Logo  « Kulturvolk » (Freie Volksbühne) treffen an diesem Montagskulturabend eine finnische Pianistin und eine chinesische Bratschistin aufeinander die das Concierto Criollo para Viola y Piano vor: Culto y Zamba – Plegaria – Malambo des argentinischen Komponisten Daniel Pacitti spielen und  damit diese südamerikanische Reise einleiten. Pacitti hat das Werk 2016 komponiert, eine spannende und sehr interessante Fusion melancholisch-leidenschaftlicher Tangothemen, Jazzrhythmen und der Musik seiner französischen Musik-Vorbilder, der Impressionisten wie Cesar Franck oder Debussy.
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Pacitti erklärt zwischendurch die drei Sätze des Concierto Criollo und wir erfahren, dass Malambo eigentlich ein Männertanz ist, monoton und stoisch wie die endlose Pampa der argentinischen Gauchos oder dass der Culto de Zamba spirituellen Ursprungs ist und auf die Inkakultur zurückgeht. Seine „monotone“ Vielseitigkeit wird brillant vorgetragen von Anni Laukkanen am Klavier und Qiyun Zhao an der Bratsche.
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Nach der Pause kommt schließlich der Tango-Teil und dafür nimmt  Maestro Pacitti selber das Bandoneon auf den Schoß. Zusammen mit dem Pianisten Ludger Ferreiro und Qiyun Zhano spielen sie hingebungsvoll vier unterschiedliche Tangovarianten: Berretín (Tango von Pedro Laurenz), Pablo ( von José Martínez), La Yumba (von Osvaldo Pugliese und La Bordona (von Emilio Balcarse).
Glänzende Performance!
Der zweite Teil dieser musikalischen Reise wird Ende Mai stattfinden.
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Criollos nannten die spanischen Kolonialisten die Nachkommen von Europäern (nicht nur spanischen Ursprungs), um sich von den Peninsulares (den aus dem Mutterland kommenden) und den Mestizen abzugrenzen.
Die Criollos bildeten im Verlauf der Zeit die Mittelschicht, wurden als Verwalter eingesetzt oder führten Handwerksberufe aus. Die höheren Posten in Verwaltung und Kirche gehörten aber generell den Spaniern aus Spanien!  Aber schon ab dem 18. Jahrhundert stellten die Criollos die Mehrheit und spielten eine wichtige Rolle in den Befreiungskämpfen der südamerikanischen Unabhängigkeitskriege.
Durch Einflüsse der Musik aus Spanien, die selber wiederum von arabischen Musikfragmenten geprägt war, der kubanischen Habanera, afrikanischen Perkussionrhythmen und den Flötentönen der südamerikanischen Indios entwickelte sich die kreolische Musik (Merengue, Salsa, Mambo oder Tango) in der Mitte des 19. Jahrhunderts.
« Ein trauriger Gedanke, den man tanzen kann“ bezeichnete der argentinische Komponist und Bühnenautor Enrique Santos Discépolo den Tango
Genauso verrucht wie das Hafenviertel von Buenos Aires, war dieser melancholisch-fröhlich-temperamentvolle und leidenschaftliche Tanz, der Tango. Matrosen brachten das Bandoneon, das übrigens der deutsche Heinrich Band entwickelte,  nach Buenos Aires, wo es zum Parademusikinstrument für den Tango wurde und bald Klavier und Geige in die zweite Reihe drängte.

Bevor er aber ein vornehmer Gesellschaftstanz werden durfte, war der Tango vor allem in den ärmeren und hoffnungslosen Emigranten-Unterhaltungsvierteln und in den anrüchigen Vororten beliebt. Mit Flöte und Gitarre oder Kontrabass tingelten die Trios und Quartettos durch die Bars. Noch wollte die argentinische Oberschicht von dieser Musik aus den barrios bajos (Armenvierteln) nichts wissen. In Buenos Aires war der Tango offiziell bis 1911 verboten. Erst Paris machte Anfang des 20. Jahrhunderts den Tango salonfähig. Seitdem gehört er zu den Gesellschaftstänzen und ist aus Wettbewerben und Tanzschulen nicht mehr wegzudenken.

Und so ist einer der bekanntesten Tangosänger und Bandoneonspieler ein Franzose aus Toulouse. Carlos Gardel kam 1935 bei einem Flugzeugunglück ums Leben und sein Grab wird immer noch täglich mit Blumen geschmückt.

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Der argentinisch Komponist, Dirigent und Bandoneonist Daniel Pacitti studierte in Buenos Aires, Paris, Mailand, Wien und Berlin. Hier hat er sich mit Musik für Solostimme und Bandoneon beschäftigt, um dieses Instrument auch der klassischen- und Kirchenmusik näher zu bringen. Zum Luther-Reformationsjahr hat er das Oratorium „Wir sind Bettler“ komponiert, welches am 28. Juni 2017 in der Philharmonie in Berlin uraufgeführt wird – mit Roman Trekel als Luther! Wir sind schon sehr gespannt, wie er diese Zeit interpretiert – Tango-Rhythmen sollen jedenfalls nicht darin vorkommen – sagt er uns zum Schluss dieses originellen und schönen Abends.
Christa Blenk
Fotos: Christa Blenk

 

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Ad Arma Fideles – Concerto Romano beim Aequinox Festival

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Vor dem Konzert – Gabriele Pro und Andrea Buccarella beim Stimmen –
Foto: (c) Christa Blenk

 

Ad arma, fideles! (Rüstet Euch, Ihr Gläubigen!) – Musikalische Frömmigkeit im Rom der Gegenreformation

Vom 17. – 19. März 2017 finden in der Fontanestadt Neuruppin die 8. Musiktage zur Tag & Nachtgleiche statt.

Ein Höhepunkt dieses Festivals, das an unterschiedlichen Orten in und um Neuruppin passiert, war ohne Zweifel der Auftritt des römischen Ensembles Concerto Romano am Samstag in der Temnitzkirche in Netzeband.

(Eine unglücklich ausgeschilderte Umleitung verhinderte das pünktliche Ankommen (von Zuhörer und Solisten) und der vorgesehene Beginn um 15.00 Uhr konnte nicht ganz eingehalten werden. Die Wartezeit wurde aber angenehm bei Kaffee und Kuchen in der kleinen Kirche aus dem 19. Jahrhundert überwunden. )

Vor vollem Haus präsentierte das römische Ensemble im Jahr der Reformation gestern ein Programm mit Musik der Gegenreformationsbewegung scuola romana, die im 17. Jahrhundert der Reformation in Rom erwidern sollte. Gestern Nachmittag hat Concerto Romano der Berliner Lautten Compagney geantwortet, die am Tag vorher den 500. Jahrestag der Reformation behandelte.

Alessandro Quarta hat mit diesen Sacrae Cantiones ein Program von paganen und religiösen Musikpreziosen zusammen gestellt, das interessanter, abwechslungsreicher und typischer für diese Zeit gar nicht sein konnte.

Im römischen Viertel La Vallicella, das heute zum begehrten und teuren centro storico gehört und von wo aus man nur den Tiber überqueren muss, um zum Petersdom zu gelangen, lebte in der Reformation und Gegenreformation die ärmere und einfachere Bevölkerung. Die Aufführungen durch die Philippinischen Brüder für die kleinen Leute der dort entstandenen Liturgien erlangten großen Zuspruch und wurden immer bekannter. Alte populäre Lieder, Madrigale, Sinfonien oder Lauden aus der Renaissance- und Frührenaissance wurden hervorgeholt und die Straße zum Konzert- und Beetsaal. Quarta vergleicht die gestern präsentierte Musik, die zum Teil dort entstand, mit Caravaggios manieristischer Malerei, der sich seine Modelle oft aus eben diesem Armenviertel geholt hatte, wo katholische Pracht und päpstlicher Glanz vollkommen abwesend waren.

Von den Musikern Francesco Foggia (1604-1688), Bonifacio Graziani (1604-1664)  Francisco Soto de Langa (1534-1619) Giacomo Carissimi (1605-1674) stammten u.a. die gestern in Abwechslung mit instrumentalen Kompositionen von zum Teil anonymen Musikern aus der Renaissance und dem Frühbarock vorgetragenen Werke. Mit drei Vokalsolisten Antonio Orsini, Alt; Luca Cervoni, Tenor und Giacomo Nanni, Bass und sechs Instrumentalsolisten hat er einem sehr interessierten Publikum diese fabelhaften Werke vorgestellt.

Das Lied Amici pastori von Bonifacio Graziano ist ein Weihnachts-Madrigal und gleicht fast einem Mini-Oratorium, es ist ein Dialog zwischen unterschiedlichen Parteien, bei dem u.a. die Hirten aufgerufen werden, mit ihrem Gesang doch den Neugeborenen nicht zu stören. Zwischendurch wird ein italienisches Schlummerlied gesungen und dann dreht sich Maestro Quarta zu uns und singt selber die Hirtenweise – und auch das ist es, was dieses Ensemble so einzigartig und sympathisch macht. Alessandro Quarta ist nicht nur ein hervorragender Musikwissenschaftler, ein sensibler und einfühlsamer Dirigent und ausgezeichneter Sänger: Quarta ist die Musik.

Eine Entdeckung ist der 19-jährige Violinist Gabriele Pro, er hat sicher eine große Karriere vor sich. Valeria Brunelli am Violoncello und Patxi Montero am Kontrabass interpretierten zusammen mit Francesco Tomasi an Gitarre und Theorbe ein Canario und eine Capona von Johann Hieronymus Kapsberger (1580-1651). Während die Instrumentalwerke noch eher der Renaissance zugeordnet werden dürfen, erinnerte die Toccata für Orgel von Michelangelo Rossi (1602-1656) schon an diese, mit denen später Bach jeden Organisten begeistern sollte. Gestern spielte sie Andrea Buccarella.

Immer wieder mussten die Musiker bei den schwankenden Temperaturen in der Kirche ihre alten Instrumente stimmen, während draußen ein Sturm tobte und das brandenburgische Licht die Kirche erhellte, war auch das ein Vergnügen. Die knapp zwei Stunden ohne Pause sind im Nu verflogen und Quarta, der sein Ensemble mit inniger Harmonie und in permanenter Verbindung zu den Solisten oder Musikern leitet, bedankte sich mit zwei Zugaben bei dem aufmerksamen, regungslosen, mitgerissenen und fast nicht atmenden Publikum für diese golden silence (seine Worte).

Das Concerto Romano hat er 2006 gegründet und seit ihrem erfolgreichen Deutschlanddebüt 2009 bei den Tagen Alter Musik in Herne, ist es den geneigten Barockfans ein fester Begriff.

Der Musikwissenschaftler Alessandro Quarta beschäftigt sich vor allem mit dem unveröffentlichten Repertoire der Scuola Romana in der römischen Renaissance bis hin zum Hochbarock und durchforscht die römischen Bibliotheken (darunter auch das Deutsche Historische Institut in Rom) auf der Suche nach Unbekanntem und ständig gelingt es ihm, etwas Neues auszugraben. Für ihre CD Einspielungen erhält Concerto Romano regelmäßig Preise wie z.B. für die erste CD „Luther in Rom“, die im Herbst 2012 auf den Markt kam und  von der französischen Fachzeitschrift DIAPASON gleich 5 Stimmgabeln bekam.

 

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die drei Vokal-Solisten

 

Beim Aequinox Festival waren sie dieses Jahr zum ersten Mal, aber dem Beifall nach zu urteilen, werden sie sicher wieder kommen. Für 2017 sind u.a. in Deutschland Konzertdebüts bei den Thüringer Bachwochen, Imago Dei Krems, bei den Händel Festspielen Göttingen und Halle, beim Musikfest Stuttgart und beim Musikfest Bremen geplant.

Sabine Radermacher hat die Texte der Lieder sehr einleuchtend ins Deutsche übersetzt; sie waren allesamt im Programm abgedruckt.

Großartig!

Hinweis:  Das Konzert zum Herbst-AEQUINOX 2017 findet am 10. September 2017 statt.

(Die Aequinox Musiktage werden gefördert von dem Land Brandenburg Ministerium für Wissenschaft, Forschung und Kultur, dem Landkreis Ostprignitz-Ruppin, der Fontanestadt Neuruppin, der Sparkasse Ostprignitz-Ruppin und den Stadtwerken Neuruppin. Medienpartner sind die Märkische Allgemeine und das kulturradio vom rbb.)

 

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nach dem Konzert

 

Christa Blenk

Fotos: Christa Blenk

Weitere CD Einspielungen von Concerto Romano

La sete di Cristo

Sacred Music for the pool

 

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Die Schöpfung – Zubin Mehta und die Staatskapelle

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Wie oft beginnt der Abend mit einer interessanten Einführung in das Werk durch den Dramaturgen Detlef Giese:

Die Schöpfung beginnt mit einer kühnen und avancierten Intrumentaleinleitung die eher an Brahms als an Haydn denken lässt.  Haydn enttäuscht hier praktisch alle Erwartungshaltungen und gibt dem Publikum nie das, was es erwartet. Ansonsten hat Haydn sich am Messias von Haendel inspiriert.

Tonmalerische Elemente, lebendige Erlebnisse und eindringliche Bilder wechseln sich ab. Vor unseren Augen kommt der Tiger angeschlichen oder springt der Hirsch durch den Wald, die Lärche zwitschert und der kühle Bach macht Lust, sich abzukühlen. Hier geht Haydn mit ganz großem expressionistischem Pinsel ans Werk und wirft uns Landschaft und Tierwelt vor die Füße.

Dieses neu definierte Oratorium, bei dem der Chor und  die Solisten die Hauptprotagonisten sind, ist ein positives Werk, das auf der Erschaffung der Welt beruht, ohne das Negative und ohne den großen Sündenfall, obwohl das Libretto, sagt man, auch auf John Miltons Paradise Lost zurückgehen soll. Baron van Swieten hat den Wortlaut verfasst, auf der Basis eines englischen Textes, den Haydn während einer  Londonreise 1795 wohl in die Hand gedrückt bekam. Nur zweimal wird der Tod in Form von Auslöschen des Odems behandelt wenn Raphael singt „Du nimmt den Odem weg. In Staub zerfallen sie“.

Zubin Mehta hat den ersten Teil sehr abgeklärt und feierlich-respektvoll dirigiert, manchmal fast ein wenig zu langsam und mit viel Freiheit für die ausgezeichneten Musiker,  legt aber beim Adam und Eva–Teil kräftig zu und verwandelt diesen letzten, kurzen Part in Musiktheater.  Julia Kleiter trällert im ersten Teil die Vögel hervor, Pape die Würmer und Hirsche, betört dann als Eva ihren teuren Gatten Adam René Pape mit einem schüchternen und opernhaften Augenaufschlag, der vom Publikum mit einem Schmunzeln wahrgenommen wird und der durchaus erkennen lässt,  dass es bis zum verhängnisvollen Apfel nicht mehr weit ist. Christian Elsner begeistert als Uriel.

Die Musik ist hoch inspirierend und so ging das Werk nach der Uraufführung auf  Siegeszug um die Welt.  Giuseppe Carpanis berichtet nach der ersten Aufführung  von Haydns Krönungswerk im Palais Schwarzenberg in Wien 1789, bei der 400 Musiker auf der Bühne waren: „Ich war dabei und kann versichern, nie etwas Ähnliches erlebt zu haben. Die Blüte der literarischen und musikalischen Welt Wiens war in dem Raum versammelt …. Tiefstes Schweigen, gespannteste Aufmerksamkeit, eine – ich möchte sagen – religiöse Verehrung herrschten von dem Augenblick an vor, als der erste Bogenstrich getan wurde“.

Ausgezeichnet der Staatsopernchor unter Martin Wright. Über die Qualität der Staatskapelle braucht man ja nichts zu sagen, sie funktioniert – wie immer – wie gerade frisch geölt.

Großartiger Schöpfungsabend!

 

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Christa Blenk

 

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Petruschka / L’Enfant et les Sortilèges :1927

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Als die Bilder laufen lernten:

Doppelabend über Freiheit und Trotz, über Erwachsenwerden und Moral, über Glück und Verlust

2012 inszenierte das Künstlerkollektiv 1927 für die Komische Oper eine sehr erfolgreiche Zauberflöte, die es mit viel Applaus um die ganze Welt schaffte. 2017 versuchen sie nun, an diesen Erfolg anzuknüpfen und haben sich zwei Einakter dafür ausgesucht, die die Komische Oper seit Ende Januar 2017 zeigt.

Einmal das Ballet Petruschka, ursprünglich entworfen als Konzert für Orchester und Klavier, das Igor Strawinsky (1882-1971) 1911 in Paris mit dem Ballet Russe zur Uraufführung brachte und nach der Pause Ravels Märchenfantasie Das Kind und der Zauberspuk.

 

Petruschka hat Strawinsky nach der Geburt seines Sohnes komponiert; es steckt genau zwischen dem Feuervogel (1910) und dem Sacre-Skandal von 1913.

1927 hat ihr Augenmerk auf das Klavier gelegt und daraus eine Art Stummfilm mit Musikbegleitung, Text zum Lesen und Charly Chaplin Hut gemacht. Eine digitale Revolution in der Zeit der russischen Konstruktivisten und im Futurismus zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Jahrmarktstimmung, Zuckerwatte, Geisterbahn, Hau-den-Lukas und Karussell natürlich. Der traurige Clown, die Gliederpuppe Petruschka (Tiago Alexandre Fonseca), ist auf der Flucht vor seinem brutalen Puppenspieler und beginnt eine turbulente Reise über den schrillen Jahrmarkt, was ihn in alle möglichen Abenteuer und Probleme stürzt. Er versucht – vergeblich – sein Glück mit der Akrobatin Ptitschka (Pauliina Räsänen) immer wieder behindert durch einen anderen Leidensgenossen, den  Muskelmann Patap (Slava Volkov) und kreist schließlich frei und tod als fliegender Sputnit durch den Orbit. Nur die drei Puppen, Petruschka, Patap und Ptitschka sind Menschen mit Gefühlen und Ängsten. Die Jahrmarktbesucher sind animierte und schrill-bunte, unsensible und vergnügungssüchtige Puppen. Ausgezeichnete Darbietung der drei Akrobaten. Strawinskys traditionell-volkstümlich Musik passt wunderbar in dieses ohrenbetäubende Kirmes Geschrei und dieser Teil ist sehr gelungen. Wunderbare Schattenspiele sorgen für eine berauschende und mitreißende Ästhetik.

Aber nach der Pause Ravels Kurzoper L’Enfant et les sortilèges (Das Kind und der Zauberspuk).

Und hier passt plötzlich nichts mehr. Ist es der zweite Akt von Petruschka? Ein Déjà-vu-Erlebnis nach dem anderen und Langeweile stellt sich ein. Auch hier reden und singen die Puppen oder die als solche verkleidete. Die Sterne aus Petruschka hageln auf die Bühne und es animiert sich so vor sich hin. Die Musik kommt dadurch sehr ins Hintertreffen und ist irgendwann gar nicht mehr richtig vorhanden. Hier springt der Zauber der Animation nicht auf uns über. „Ich bin böse und frei!“ sagt das dickliche Kind (Nadja Mchantaf) und wird von der Mutter (Ezgi Kutlu)  in sein Zimmer verbannt, weil es die Hausaufgaben wieder nicht gemacht hat. Es zerstört aus Wut sein Umfeld, quält Tiere und Bäume. Möbel, Uhr, Tasse, Teekanne, Tee, Feuer, Fee aus dem Märchenbuch, Kaminfeuer, Mathematiklehrer, Baum, Libellen und Katzen klagen das Kind  an und stürzen es von einem Alptraum in den anderen. Bis es sich besinnt und einem Eichhörnchen die Pfote verbindet. Dann wird alles gut und der Alptraum ist vorbei. Ravels Stück endet mit Maman!

Maurice Ravels (1875-1937) Märchenmusik ist eine subtile Fantaisie lyrique unterschiedlicher musikalischer Stilrichtungen und gehört zu den schönsten Kompositionen von ihm, allein schon deshalb kann sie die viele Video-Animation nicht gut verkraften. Sie ist eine Abfolge von unterschiedlichen Szenen.  Menschen, Tiere und Gegenstände treten auf, singen, agieren, genial eine zauberhafte Ragtime-Szene zwischen Teekanne und chinesischer Tasse, die gestern irgendwie unterging. Schade!

Ravels Oper kam 1925 in Monte Carlo zur Uraufführung. Das Libretto schrieb die Dichterin Colette, allerdings schon 1915. Erst nach Verdun und dem Tod seiner Mutter näherte sich Ravel wieder diesem Stoff an.

Der Dirigent Markus Poschner mit dem Orchester der Komischen Oper bekam viel Applaus, die Sänger konnten nicht wirklich wahrgenommen werden.

Die Inszenierung, Bühnenbild und Kostüme haben des Künstlerkollektiv 1927 (Suzanne Andrade, Esem Appleton, Pauzl Barritt, Pia Leong, Katrin Kath) entwickelt. Die Ideen sind interessant und die Künstler kennen natürlich die Filme und Arbeiten von William Kentridge oder Monthy Python, aber auch der expressionistische Film wird zitiert.

Christa Blenk

 

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Pierre Boulez Saal – Vortrag von Jörg Widmann

 
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Am dritten Tag der Eröffnungswoche des Pierre Boulez Saales in Berlin kommt der Münchner Komponist und Klarinettist Jörg Widmann und spricht über die „Schönen Stellen“ in der Musik, besser gesagt über seine „schönen Stellen“ in der Musik. Er zitiert dabei einen Aufsatz von Theodor W. Adorno aus 1965 und erzählt, dass Adorno dem Publikum vorwarf, nur  wegen der Schönen Stellen die Konzerthäuser aufzusuchen. Um sich das ganze aber zu relativieren, zitiert er am Schluss seine Liebensstellen in der Musik.

Jörg Widmann holt die großen Komponisten wie Beethoven, Mozart, Alban Berg, Schönberg, Brahms, Lachenmann, Stockhausen, Schumann und Carl Maria von Weber auf die Bühne und erklärt anhand von Beispielen, die er con brio und sehr animato auf dem Klavier spielt, warum gerade diese Stelle eine Schöne ist.

Er spricht über seine erste Begegnung mit Pierre Boulez und verrät, dass er ohne diese Entdeckung ein ganz anderer Musiker geworden wäre. Pierre Boulez wäre begeistert von diesem Raum, fährt er fort, denn ein Großteil  seiner Musik sei für Raumsituationen geschrieben worden, die eine solche Klangfreiheit bieten.

Seine schönen, oder verrufenen Stellen beziehen sich immer auf den Mut des jeweiligen Komponisten, plötzlich etwas anderes, etwas Unerwartetes zu versuchen und das bisher gekannte und praktizierte tonale System einfach zu brechen. Hier zitiert er Beethovens Erste, Mozarts Cosí fan Tutte oder Schumann überhaupt um uns kurz darauf den Walzer aus dem Freischütz vorzuspielen. Er schwärmt von Ausnahmen, von « fast » gefährdeter Schönheit, die sich durch den Überraschungseffekt einer ihr vorher gehenden Dissonanz in die Reihe der schönen Stellen einordnen wird. Hier wird Lachenmann mit Mozart und Stockhausen mit Brahms in Verbindung gebracht. Er versichert, dass atonale Musik wie tonale klingen kann – je nach Orchester und Annäherung und zitiert Peter Handke, Baudelaire und Hölderlins Heilig nüchternes Wasser.

Besonders angetan haben es ihm Schumanns Fieberkurven, die am besten mit Humor vorgetragen werden sollen und, getrieben durch ein stetiges presto possibile, davon rennen. Er lobt die Verrückungen, die durch diese Fieberkurven entstehen. Widmann ist mehr als appassionato, wenn er allein aber trotzdem a quattro mani , con forza e fuocoso ganze Orchesterpassagen am Klavier vorführt. Con furore haut er in die Tasten, um immer wieder zu sagen „Aber Mozart hat das nicht so gemacht“ ….. Con grandezza und Bescheidenheit den alten Meistern gegenüber wird er selber zu einem der großen jungen Meistern, der die komplette Musikgeschichte auf Befehl abrufen kann und ihm  « fällt schon wieder ganz viel ein“! (Hier spricht er über Brahms. Unreife Kritiker haben das Anfangsthema der vierten Sinfonie mit den Worten « Ihm fällt schon wieder nichts mehr ein » abgetan. Das zum Thema Musik-Rezension!).

Zum Schluss hat er sich und uns gewünscht, dass wir in Zukunft vielleicht ein wenig anders in die Musik hinein hören werden!

Lieber Herr Widmann, das hat funktioniert. Dieser Einführungs- und Vorführabend seiner « schönen Stellen » war für die Anwesenden sicher ein Highlight in dem noch ganz jungen Pierre Boulez Saal! Der stürmische Applaus hat das bestätigt.

Der Abend, assai armonioso und vivacissimo, mit dem Komponisten und Klarinettisten Jörg Widmann gleicht einem Traum, der alla marcia, animato und con brio, andantino, ma non troppo  an uns vorüberzieht. Bis zum  al fine halten wir den Atem an, um ja nichts von ihm zu verpassen oder zu überhören!

Wir haben nur einen Wunsch:  da capo!

Vielen Dank, Maestro!

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Und nun noch ein paar Worte zum Saal und zu seiner Entstehungsgeschichte:

Daniel Barenboim gründete 1999 zusammen mit dem palästinensischen Literaturwissenschaftler Edward Said das West Eastern Divan Orchestra. 2015 entstand die Barenboim-Said Akademie, die nun im ehemaligen Intendanz- und Magazingebäude der Staatsoper Berlin untergekommen ist. Dazu gehört der Pierre Boulez Saal mit 650 Sitzplätzen. Der große Architekt Frank Gehry hat diesen ellipsoiden Innenraum entworfen. Das Auf und Ab ist wie leichter Seegang, nüchtern, mit hellem Holz. Das Konzept dieses Saales passt ganz wunderbar zur experimentellen Musik des großen Komponisten, der dem Saal seinen Namen gegeben hat: Pierre Boulez

Christa Blenk

 

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